Martin HollinetzBEGLEITUNG · ENTWICKLUNG · AUTOR
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Der Lehrling und die Weltbilder

Von der Werkbank in die Sozialpädagogik – und zur Erfahrung, dass offene Räume mehr hervorbringen können, als man geplant hat.

Martin Hollinetz · 4 Minuten Lesezeit

Ich habe Newton geliebt, bevor ich seinen Namen kannte. Meine Berufslaufbahn begann nicht an einer Universität, sondern an einer Werkbank: als Lehrling zum Elektromechaniker, die Grundausbildung in der Lehrwerkstatt der Werkzeugmacher. Es gibt eine eigene Schönheit in dieser Welt, und wer sie einmal erfahren hat, vergisst sie nicht. Eine Feile lügt nicht, ein Messschieber auch nicht; ein Werkstück stimmt auf den Hundertstelmillimeter, oder es stimmt nicht. Ein Schaltplan lügt nicht. Ein Motor, der falsch gewickelt ist, läuft nicht – gleichgültig, wie sehr man an ihn glaubt. Ursache und Wirkung greifen ineinander wie Zahnräder, und wenn etwas nicht funktioniert, gibt es einen Grund, den man finden kann, wenn man sorgfältig genug sucht. Diese Welt hat mich Präzision gelehrt, Geduld und einen tiefen Respekt vor dem, was ist. Es ist – ich wusste es damals nicht – die Welt Isaac Newtons. Doch meine Lehre trug ein Experiment in sich. Sie hatte einen damals pilothaften Schwerpunkt: EDV-Technik. Es war einer der ersten Versuche, ein Berufsbild zu entwickeln, das es noch gar nicht gab – den EDV-Techniker. Nach der Grundausbildung an Schraubstock und Drehbank durfte ich deshalb etwas, das in einer klassischen Lehre undenkbar gewesen wäre: sehr viel probieren. Ich entwarf und baute meine ersten eigenen Computer – Platinen, Speicher, Schnittstellen, Fehlersuche bis in die Nacht. Heute erkenne ich darin zwei Dinge, die mein Leben geprägt haben. Erstens: Ich stand, ohne es zu wissen, mitten in einem Weltbild-Übergang – auf derselben Werkbank lagen die Feile und der Prozessor, die Welt der Mechanik und die Welt der Information, das Fertige und das erst Entstehende. Und zweitens: Jemand hatte mir einen offenen Raum gegeben – Werkzeuge, Vertrauen, eine Einladung zum Ausprobieren – für einen Beruf, dessen Umrisse noch niemand kannte. Diese Möglichkeit hat mir mehr eröffnet als jedes Curriculum. Vieles von dem, was ich später aufgebaut habe, ist im Grunde der Versuch, diese Erfahrung weiterzuschenken. Dann wechselte ich die Welt. Über die Studienberechtigungsprüfung kam ich in die Sozialpädagogik, und nichts von dem, was mich die Werkstatt gelehrt hatte, funktionierte mehr. Ein Mensch ist kein Motor. Eine Jugendgruppe reagiert nicht auf Interventionen wie ein Relais auf Spannung. Dieselbe Handlung, die gestern Vertrauen gestiftet hat, zerstört es heute. Ich stand vor Systemen, die auf meine sorgfältigsten „Reparaturen“ mit Verschlimmerung antworteten – und auf eine beiläufige Frage manchmal mit Verwandlung. Es hat Jahre gedauert, bis ich verstand: Nicht ich hatte versagt, und nicht die Menschen waren „defekt“. Mein Weltbild hatte seinen Geltungsbereich verlassen. Seit 1996 arbeite ich selbstständig an den Schnittstellen von Bildung, Kunst, Technologie, Regionalentwicklung und Kreativwirtschaft – in mehr als fünfzig Vorhaben, mit Organisationen, Regionen, Initiativen und einzelnen Menschen in Veränderungsprozessen. Mit der Gründung der Otelo eGen und dem Aufbau des Netzwerks Offener Technologielabore kam eine dritte Erfahrung dazu, die weder in die Werkstatt-Logik noch in die klassische Beratungslogik passte: Wenn man Menschen einen offenen Raum gibt, Werkzeuge und Vertrauen, dann entsteht etwas – aber niemals das, was man geplant hat, und fast immer mehr. Ich habe erlebt, wie aus einer vagen Idee bei einem Abendtreffen ein Unternehmen wurde, aus einer Zufallsbegegnung eine Bildungsinitiative, aus einem leeren Gemeindegebäude ein Ort, der eine Region verändert hat. Emergenz war für mich keine Vokabel aus der Systemtheorie. Sie war mein Arbeitsalltag. Und schließlich die vierte Erfahrung, die leiseste: In der Aufstellungsarbeit – ausgebildet in dialogisch-systemischer Aufstellungs- und Rekonstruktionsarbeit, geprägt durch die systemisch-spirituelle Arbeit von Siegfried Essen, bei dem ich lernen durfte, und durch Begegnungen mit Matthias Varga von Kibéd und anderen – habe ich Momente erlebt, in denen eine Gruppe mehr wusste, als jeder Einzelne wissen konnte; in denen ein Satz wie „Such dir einen guten Platz im Ganzen“ mehr bewegte als jede Analyse. Meditation und spirituelle Praxis begleiten meine Arbeit seit vielen Jahren. Ich habe gelernt, über diese Erfahrungen vorsichtig zu sprechen – zu oft werden sie entweder belächelt oder mit physikalischen Begriffen dekoriert, die sie nicht tragen. Genau aus dieser doppelten Vorsicht ist dieser Text entstanden.

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